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Was ist Liebe?

Viele haben sie - diese romantische Vorstellung eines vierbeinigen Mitbewohners, der mit einem durchs Leben geht und alle Sorgen und Nöte mit einem teilt - mehr noch, sie lindert. Wer träumt nicht davon? Diese romantischen Spaziergänge in den Sonnenuntergang und im Wald oder an der See mit dem besten Freund, der immer für einen da ist, (fast) nicht widerspricht und der einen - so scheint es zumindest - versteht... Möglicherweise würde eher der Gatte des Hauses verwiesen als der geliebte Freund auf vier Pfoten! Doch woher kommt das?

 

Der kleine Schatz kommt ins Haus und alles wird gut ?

 

So oder so ähnlich sieht zumindest das Bild aus, das uns die Filmemacher entworfen haben. Da kommt der Hund auch jedes Mal, wenn man ihn ruft. Da werden keine Kissen, Sofas oder Türen geschreddert oder Wohnungen umdekoriert wenn wir gerade mal kurz nicht hinschauen.

 

Dabei hat man doch alles richtig machen wollen: das richtige Futter (mehr oder weniger Proteine, hauptsächlich Fleisch und das am Besten in Bio-Qualität) , das richtige Körbchen (mit orthopädischer Einlage für den Kleinen um möglichen Rückenschäden oder eine Hüftdysplasie vorzubeugen), das beste Geschirr mit extra-weicher Polsterung und natürlich auch Spielzeug. Jede Menge Spielzeug. Manche Tierhandlungen scheinen eher an ein Toys'R'us zu erinnern als an ein Zoogeschäft. "Ja, es ist das letzte Kind", meint eine Verkäuferin, als ich von der Mannigfaltigkeit überwältigt vor der Auswahl vor den Regalen (!) stehe, "bei manchen sind die Kinder aus dem Haus und jetzt hat man Zeit. Man will dem Kleinen so schön und so angenehm wie möglich machen. Da bekommt der kleine Schatz alles, was vorher nicht ging oder was man vorher nicht zugelassen hat."

 

Aha. Auch Liebe? frage ich mich und verwerfe den Gedanken aber gleich wieder, als ich das Kettenhalsband mit Stachelfunktion erblicke. "Nun ja, manche Kandidaten sind etwas schwieriger im Handling für ihre Besitzer geworden. Wir bieten es an aufgrund der Nachfrage. Das Sortiment wird zentral festgelegt." Ich lasse die Aussage so stehen und widme mich lieber wieder dem Angebot der "Wespenerstausstattung". Schließlich bin ich deswegen hier und mein kleiner Schützling kann noch nicht so lange alleine aushalten (oder bin ich das vielleicht selbst?). Verrückt, denke ich, wie macht das denn die Hundemutter? Die muss doch auch mal was fressen und ihre Geschäfte erledigen. ..

 

Auch ich kaufe ein Bällchen (da war ein Hund drauf) als Teil eines Sets und das "richtige" Futter für meinen Welpen und fahre nach Hause. Nachdenklich denke ich mich an die Begegnung mit der eigentlich sympathischen Dame im Geschäft. Ob sie auch eigene Hunde hat? Und wenn ja, was davon bringt sie ihren Vierbeinern mit?

 

Eigentlich komisch, denke ich, unser Dackel hatte früher wesentlich weniger Kikki und schien auch glücklich und zufrieden. Molly hatte keine fünf Bälle und Zerrgel in der Wohnung verteilt, über die man stolpern konnte. Ich durfte eine alte Einzelsocke zum Spielzeug umfunktionieren und Kauknochen geben. Gelegentlich musste auch mal ein altes Handtuch dran glauben wenn sie trocken gerubbelt werden musste. Und aufs Sofa durfte sie auch. Kommandos waren nicht so wichtig, dafür liebte sie Menschen und kam wenn man sie rief. Das war die Hauptsache.

 

Was ist passiert? Ist das alles nicht mehr wichtig oder haben sich die Werte durch den Medieneinfluss verändert? Lässt sich Liebe einfach besser in Bällchen verkaufen als in verständlichen Konzepten? Ein Konzept kann man zwar nicht anfassen, aber man Bücher drüber schreiben. Viele Bücher: über Welpenerziehung, die Frühen Jahre, den Lebenszyklus die Pflege des Hundes, über Heelwork, Agility, Dummytraining und rassespezifische "Handbücher". Auch ich habe ein paar davon gelesen. Mich anschließend im Kreis gedreht und am Kopf gekratzt. Und schließlich in die Hundeschule gefahren.

 

Liebe ist ...

 

Sowohl bei Menschen als auch bei Haustieren gibt es verschiedene Charaktere. Die Kynologie (Lehre von Zucht, Dressur und Krankheiten der Hunde) ist noch eine sehr junge Wissenschaft. Es ist erst knapp 20 Jahre her, dass Gefühle von Hunden untersucht und belegt wurden. So wurde z.B. bei einem vertrauten Hund-Mensch-Team ein erhöhter Oxytocin-Spiegel (das Glücks- und Bindungshormon) nachgewiesen, wenn sich beide tief in die Augen schauen!

 

Da fester Augenkontakt unter Hunden mindesten als unhöflich gilt, haben unsere Vierbeiner mehr zu lernen, als uns vielleicht bisher klar war: sie sind Fremdsprachentalente! Sie verstehen ein menschliches Lächeln tatsächlich als Freundlichkeiten und nicht als Drohung und antworten auf ihre Art. Wie gut sie uns tatsächlich verstehen, können wir feststellen, wenn sie schon vor uns am Kühlschrank oder an der Tür sind bevor wir uns tatsächlich in Bewegung gesetzt haben! Auf den ersten Blick mag das lustig oder "niedlich" anmuten, bedeutet jedoch letztendlich, dass wir mehr als nur berechenbar sind oder uns trösten kommen wenn wir einen schlechten Tag hatten und mehr schmusen als sonst.

 

Wenn uns unsere Vierbeiner also so gut verstehen , bedeutet das in letzter Konsequenz also auch, dass wir berechenbar sind. Jawohl. Berechenbar. Manche wissen sehr genau, welche Knöpfe sie drücken müssen: verschmähtes Futter, trauriger Dackelblick und Herrchen oder Frauchen ziehen artig los, um dem kleinen Prinzen etwas besseres oder schmackhafteres zu kaufen. Oder dieser treue Blick vor dem Sofa, der eigentlich nur sagt: "Es ist Zeit, jetzt 'Hop' zusagen. Du hast drei Sekunden!". Und was machen wir? Genau.

 

Wer erzieht eigentlich wen?

 

Je nach Persönlichkeit, benötigen Hunde drei bis acht Tage zur Eingewöhnung in eine neue Umgebung - auch Welpen. Das bedeutet, dass sie spätestens zwei Wochen verstanden haben wie der Hase läuft: Wer das Futter gibt, wer Schmuseeinheiten verteilt, mit wem man richtig Spaß haben kann, was sie mit wem machen können und wie verbindlich Grenzen bei welchem Menschen sind! Und auch wenn die kleine Maus mit jedem Familienmitglied Einzelbeziehungen eingeht gibt's immer eine Regierung - stellt sich nur die Frage: hat die zwei oder vier Beine?

 

Liebevolle Konsequenz, wie z.B. das Durchsetzen von 'Nein' und 'Aus' (egal wie niedlich sie gerade gucken!) sind also mehr als ein menschlicher Egotrip: Sie sind die Regeln, die unsere Vierbeiner kennen müssen, um sich in der Menschenwelt zurechtzufinden und akzeptiert zu werden: Gute Manieren sind ein Teil davon. Auch wenn anfangs anstrengend wird sein kann. Doch Durchhalten lohnt sich: wenn das „Pupertier“ älter geworden geworden ist, hat jeder nach zwei Jahren den Hund, den er verdient, heißt es... Gemessen an Menschenjahren ist das doch recht übersichtlich.

 

Schließlich ...

 

Am Ende des Tages gibt es für mich keine ganz klare Antwort. Ich denke sowohl die Tiere als auch ihre Menschen nie eindimensional. Wichtig ist, dass der Hund die Regeln der Menschenwelt zumindest grob verstanden hat und sich darin im Rahmen seiner Möglichkeiten zurechtfindet.

 

Übrigens: Lassie gab es nie im wirklichen Leben. Um die Figur dieser überaus schönen und intelligenten Hündin zum Leben erwecken zu können, wurden meißt Rüden (die haben mehr Fell und wirken telegener) und dressiert.